Die Fair-Food-Initiative kann Kleinbauern im Süden Perspektiven bieten: Ananas einer Kooperative in Kamerun werden zum Transport bereitgestellt.

Bio, fair, saisonal und regional: Zwei Landwirtschaftsinitiativen wollen diese Grundsätze noch in diesem Jahr in der Verfassung verankern.

Die Idee ist fast 50 Jahre alt. Seit die «Bananenfrauen» aus Frauenfeld gute Produktionsbedingungen und gerechte Preise für die gelben Früchte eingefordert haben, hat sich der faire Handel für tropische Produkte stark entwickelt. Gemessen am Umsatz der Fairtrade-Produkte ist die Schweiz gar Weltmeisterin. Auch die biologische Landwirtschaft ist hierzulande längst aus der Nische ausgebrochen. Und doch kommen weder «fair» noch «bio» über einen Marktanteil von rund 10 Prozent hinaus. In diesem Tempo würde es mehrere Hundert Jahre brauchen, bis auch die restlichen 90 Prozent unserer Lebensmittel so produziert werden, dass sie den Produzentinnen und Produzenten im In- und Ausland ein würdiges Leben ermöglichen und auch Boden, Wasser, Klima und Biodiversität schützen. Höchste Zeit also, die Geduld zu verlieren.  

Fast 50 Prozent Importe

Mit den beiden Landwirtschaftsinitiativen, die im Herbst oder Winter zur Abstimmung kommen, kann das Tempo für mehr Nachhaltigkeit in unserem Ernährungssystem deutlich erhöht werden. So fordert die Fair-Food-Initiative der Grünen, dass der Bund das «Angebot an Lebensmitteln fördert, die von guter Qualität und sicher sind, und die umwelt- und ressourcenschonend, tierfreundlich und unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt werden». Diese Grundsätze sollen für einheimische und importierte Lebensmittel gelten. Knapp die Hälfte aller Lebensmittel, die wir in der Schweiz konsumieren, wird im Ausland hergestellt. So kommen etwa Tomaten aus Süditalien oder Spanien in die Schweiz, die von afrikanischen Migrantinnen und Migranten unter sklavenähnlichen Bedingungen geerntet wurden. Oder Fleisch und Eier aus deutschen Tierfabriken, in denen Käfighaltung und Antibiotikaeinsatz die Regel sind. Hier soll die Schweiz Massnahmen treffen, die den Import nachhaltiger Produkte fördern oder die Einfuhr von Lebensmitteln unterbinden, die gegen Schweizer Vorschriften – zum Beispiel beim Tierwohl – verstossen. Für Entwicklungsländer könnte die Initiative Chancen bieten, wenn kleinbäuerliche Genossenschaften, die ökologisch produzieren, gezielt gefördert werden und Marktvorteile gegenüber industriellen Grossbetrieben erhielten.

Keine Zeit fürs Schneckentempo

Die Initiative «Für Ernährungssouveränität» der Bauerngewerkschaft Uniterre richtet ihren Fokus dagegen auf die Situation im Inland. Der Bund soll die «einheimische bäuerliche Landwirtschaft» fördern, die «einträglich und vielfältig ist» und ökologisch und gentechfrei gesunde Lebensmittel produziert. Eine vielfältige Produktion ist bedroht, da aktuell in der Schweiz täglich drei Bauernbetriebe verschwinden. Mit verbesserten Arbeitsbedingungen und dem Erhalt des Kulturlandes will die Initiative dem entgegentreten. Uniterre ist Mitglied der internationalen Kleinbauernbewegung La Via Campesina, Partnerorganisation von HEKS. Ihre Initiative versteht sie als Beitrag zu einem globalen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft, der lokales und ökologisches Wirtschaften stärkt. Für diese Vision eines Ernährungssystems, das nicht von Wachstumszwang und Wegwerfmentalität bestimmt ist, sondern Mensch und Natur ins Zentrum stellt, setzen sich auch HEKS und Fastenaktion in ihrer Arbeit ein. «Biologisch, fair, regional und saisonal produzieren, handeln und konsumieren» muss schon in naher Zukunft zum Standard werden. Denn für eine Nachhaltigkeitspolitik im bisherigen Schneckentempo fehlt uns die Zeit. — Tina Goethe

Dieser Artikel stammt auf dem Dossier 02/18 zum Thema Agrarhandel.

Bei der Züricher Gartenkooperative «Ortoloco» legen die Gemüseabonnenten/innen selber Hand an.

Das aktuelle Ernährungssystem ist geprägt von industrieller Produktion und globalem Agrarhandel. Dem steht die Vision einer selbstbestimmten lokalen Kreislaufwirtschaft gegenüber. Nur sie kann in eine sozial und ökologisch nachhaltige Zukunft führen.

«Wir brauchen Kälber auf dem Hof», sagt Tina Siegenthaler von der Gartenkooperative Ortoloco in Dietikon (ZH). «Sie liefern Dünger und verwerten das Gras.» Ausgeliehen hat sie die Kooperative vom nahe gelegenen Biohof Fondli. Auf rund 1,5 Hektaren baut Ortoloco nach Bioprinzipien über 60 Gemüsesorten an und leistet auch soziale und ökonomische Pionierarbeit, indem sie die Trennung zwischen Produzentinnen und Konsumenten aufweicht: Die Mitglieder der Genossenschaft beziehen nicht nur rund 200 Gemüseabos, sondern sind auch zu aktiver Mitarbeit auf dem Feld verpflichtet. «Kosten wie Risiken des Betriebs werden gemeinsam getragen», sagt Siegenthaler. So fallen die oft fragwürdigen Ansprüche des Marktes weg, was ökologisch und sozial zu besseren Bedingungen führt.

Kurze Transportwege …
Damit folgt Ortoloco den Prinzipien der Agrarökologie und der Ernährungssouveränität, den wichtigsten Konzepten zur Überwindung des industriellen Ernährungssystems mit seinen dramatischen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Natürliche lokale Kreisläufe werden so gut wie möglich geschlossen, Boden, Tiere und Pflanzen so miteinander verbunden, dass sie sich gegenseitig stärken.

Zudem kann die Kooperative die Abhängigkeit von fossiler Energie senken. Sie verzichtet auf Kunstdünger, die Verbindung zwischen Produzierenden und Konsumierenden führt zu kurzen Transportwegen und reduziert den Einsatz von Maschinen. Ebenso wichtig ist der Aufbau gegenseitigen Vertrauens sowie Wissensvermittlung und Wertschätzung für die Feldarbeit.

…oder globale Handelsströme?
Weltweit stellen sich unzählige ähnliche Betriebe und Initiativen dem Trend zu internationalen Wertschöpfungsketten entgegen. Das ist bitter nötig. Denn begünstigt durch tiefe Transportkosten und Freihandelsabkommen, werden täglich grosse Mengen standardisierter Produkte kreuz und quer durch die Welt transportiert. Was zählt, ist der Preis. Gleichzeitig sichern sich Agrar­ und Lebensmittelkonzerne den Zugang zu guten Böden und billigen Arbeitskräften und kämpfen um Absatzmärkte mit hoher Kaufkraft. Kurz: Produzieren, wo es billig ist, verkaufen, wo es teuer ist.

Dass dieses System nicht nachhaltig sein kann, ist offensichtlich. Wer in einem teuren Umfeld wie der Schweiz produziert oder in einem unattraktiven Absatzmarkt wie in Afrika lebt, zieht den Kürzeren. Alternativen wie Ortoloco gibt es längst. Es liegt an uns allen, sie zu unterstützen – als Konsumierende und als Stimmberechtigte – und damit der Vision eines zukunftsfähigen Ernährungssystems zum Durchbruch zu verhelfen. — Tina Goethe

Dieser Artikel stammt auf dem Perspektiven 02/18 zum Thema nachhaltige Landwirtschaft.

Am 23.September 2018 stimmt die Schweiz über die Fair Food-Initiative und die Initiative für Ernährungssouveränität ab. 

Hier finden Sie unsere Positionen dazu.